Inhomogene DGLs und Anfangswertprobleme

Homogene Lösung plus ein geschickt geratener Partikulärteil.

Sobald die rechte Seite nicht verschwindet, reicht die homogene Lösung allein nicht mehr. Die allgemeine Lösung setzt sich aus der homogenen Lösung und einer partikulären Lösung zusammen. Den Partikulärteil findet man oft durch einen Ansatz vom Typ der rechten Seite. Anfangswertprobleme fixieren danach die freien Konstanten.

Problemstellung

Löse die inhomogene lineare Differentialgleichung u′′−3u′+2u=e3tu'' - 3u' + 2u = e^{3t}

Lösungsansatz

Die allgemeine Lösung einer inhomogenen linearen DGL hat die Form u=uh+upu = u_h + u_p wobei uhu_h die allgemeine Lösung der zugehörigen homogenen Gleichung und upu_p eine spezielle (partikuläre) Lösung der inhomogenen Gleichung ist.

Für den Partikulärteil verwenden wir den Ansatz vom Typ der rechten Seite:

  • Polynom vom Grad dd ⇒\Rightarrow Ansatz als Polynom vom Grad dd.
  • eaxe^{ax} mal Polynom ⇒\Rightarrow eaxe^{ax} mal Polynom gleichen Grades.
  • sin⁡\sin oder cos⁡\cos ⇒\Rightarrow immer die Linearkombination Acos⁡+Bsin⁡A\cos + B\sin.
  • sin⁡/cos⁡\sin/\cos mal Polynom ⇒\Rightarrow (Polynom)cos⁡\cos + (Polynom)sin⁡\sin.

Schritt-für-Schritt Lösung

Zuerst die homogene Gleichung u′′−3u′+2u=0u'' - 3u' + 2u = 0. Das charakteristische Polynom ist λ2−3λ+2=(λ−1)(λ−2)=0\lambda^2 - 3\lambda + 2 = (\lambda - 1)(\lambda - 2) = 0

Also λ=1\lambda = 1 und λ=2\lambda = 2, und uh(t)=c1et+c2e2tu_h(t) = c_1 e^{t} + c_2 e^{2t}

Die rechte Seite ist e3te^{3t}. Der natürliche Ansatz wäre up(t)=Ae3tu_p(t) = A e^{3t}. Da e3te^{3t} nicht in uhu_h vorkommt, gibt es keine Resonanz. Ableiten: up′=3Ae3t,up′′=9Ae3tu_p' = 3A e^{3t}, \qquad u_p'' = 9A e^{3t}

Einsetzen in die DGL: 9Ae3t−3⋅3Ae3t+2Ae3t=e3t9A e^{3t} - 3\cdot 3A e^{3t} + 2A e^{3t} = e^{3t}

Zusammenfassen und durch e3te^{3t} teilen: (9−9+2)A=1⇒2A=1⇒A=12(9 - 9 + 2)A = 1 \quad \Rightarrow \quad 2A = 1 \quad \Rightarrow \quad A = \frac{1}{2}

Die partikuläre Lösung ist also up(t)=12e3tu_p(t) = \frac{1}{2} e^{3t}, und die allgemeine Lösung lautet u(t)=c1et+c2e2t+12e3tu(t) = c_1 e^{t} + c_2 e^{2t} + \frac{1}{2} e^{3t}

Einschwingen einer inhomogenen Lösung

Anfangswertprobleme

Bei einem Anfangswertproblem bestimmst du zuerst die allgemeine Lösung und danach die Konstanten aus den Bedingungen u(t0)u(t_0) und u′(t0)u'(t_0). Wichtig: erst die allgemeine Lösung ableiten, dann die Anfangswerte einsetzen. Verwechsle nicht die Konstanten der Funktion mit denen der Ableitung.

Als durchgerechnetes Beispiel nehmen wir die homogene Gleichung aus dem vorigen Beitrag: u′′+4u′+5u=0,u(0)=0,u′(0)=1u'' + 4u' + 5u = 0, \qquad u(0) = 0, \qquad u'(0) = 1

Das charakteristische Polynom liefert λ=−2±i\lambda = -2 \pm i, also u(t)=e−2t(Acos⁡t+Bsin⁡t)u(t) = e^{-2t}(A\cos t + B\sin t)

Die Bedingung u(0)=0u(0) = 0 ergibt u(0)=e0(Acos⁡0+Bsin⁡0)=A=0u(0) = e^{0}(A\cos 0 + B\sin 0) = A = 0

Also u(t)=e−2tBsin⁡tu(t) = e^{-2t} B\sin t. Ableiten (Produktregel): u′(t)=−2e−2tBsin⁡t+e−2tBcos⁡tu'(t) = -2e^{-2t} B\sin t + e^{-2t} B\cos t

Mit u′(0)=1u'(0) = 1: u′(0)=−2⋅0+B⋅1=B=1u'(0) = -2\cdot 0 + B\cdot 1 = B = 1

Die eindeutige Lösung des Anfangswertproblems ist u(t)=e−2tsin⁡tu(t) = e^{-2t}\sin t

Fazit

Inhomogene lineare DGLs löst du in zwei Schritten: homogene Lösung plus Partikulärteil vom Typ der rechten Seite. Anfangswertprobleme kommen erst danach und bestimmen die freien Konstanten. Achte bei Resonanz darauf, den Ansatz mit tt zu multiplizieren.

Weitere Übungen

  1. Löse u′′+u=cos⁡tu'' + u = \cos t.

    Tipp anzeigen Die homogene Lösung enthält bereits cos⁡t\cos t und sin⁡t\sin t. Der naive Ansatz Acos⁡t+Bsin⁡tA\cos t + B\sin t kollidiert damit (Resonanz). Multipliziere mit tt.
    Lösung anzeigen Die homogene Gleichung u′′+u=0u'' + u = 0 hat die Lösung uh(t)=c1cos⁡t+c2sin⁡tu_h(t) = c_1\cos t + c_2\sin t

    Wegen Resonanz setzen wir up(t)=t(Acos⁡t+Bsin⁡t)u_p(t) = t(A\cos t + B\sin t) an. Ableiten (Produktregel): up′=Acos⁡t+Bsin⁡t+t(−Asin⁡t+Bcos⁡t)u_p' = A\cos t + B\sin t + t(-A\sin t + B\cos t) up′′=−2Asin⁡t+2Bcos⁡t+t(−Acos⁡t−Bsin⁡t)u_p'' = -2A\sin t + 2B\cos t + t(-A\cos t - B\sin t)

    Einsetzen in u′′+uu'' + u: up′′+up=−2Asin⁡t+2Bcos⁡tu_p'' + u_p = -2A\sin t + 2B\cos t

    Gleichsetzen mit cos⁡t\cos t liefert −2A=0-2A = 0 und 2B=12B = 1, also A=0A = 0 und B=12B = \frac{1}{2}. Damit ist up(t)=12tsin⁡tu_p(t) = \frac{1}{2} t\sin t und die allgemeine Lösung u(t)=c1cos⁡t+c2sin⁡t+12tsin⁡tu(t) = c_1\cos t + c_2\sin t + \frac{1}{2} t\sin t

  2. Löse das Anfangswertproblem u′′−2u′−8u=0u'' - 2u' - 8u = 0 mit u(0)=1u(0) = 1 und u′(0)=0u'(0) = 0.

    Tipp anzeigen Die allgemeine Lösung kennst du bereits aus dem homogenen Beitrag: u(t)=c1e4t+c2e−2tu(t) = c_1 e^{4t} + c_2 e^{-2t}. Ableiten, dann t=0t = 0 einsetzen.
    Lösung anzeigen Mit u(t)=c1e4t+c2e−2tu(t) = c_1 e^{4t} + c_2 e^{-2t} gilt u′(t)=4c1e4t−2c2e−2tu'(t) = 4c_1 e^{4t} - 2c_2 e^{-2t}

    Die Anfangsbedingungen bei t=0t = 0: u(0)=c1+c2=1u(0) = c_1 + c_2 = 1 u′(0)=4c1−2c2=0u'(0) = 4c_1 - 2c_2 = 0

    Aus der zweiten Gleichung: 4c1=2c24c_1 = 2c_2, also c2=2c1c_2 = 2c_1. Eingesetzt in die erste: c1+2c1=1⇒c1=13,c2=23c_1 + 2c_1 = 1 \quad \Rightarrow \quad c_1 = \frac{1}{3}, \quad c_2 = \frac{2}{3}

    Die Lösung des AWP ist u(t)=13e4t+23e−2tu(t) = \frac{1}{3} e^{4t} + \frac{2}{3} e^{-2t}

  3. Ein Behälter enthält 100100 Liter Wasser mit 55 kg Salz. Es fliesst eine Salzlösung mit Konzentration 0.10.1 kg/L und Rate 22 L/min zu; gleichzeitig fliesst gemischte Lösung mit derselben Rate ab. Stelle die DGL für die Salzmasse m(t)m(t) auf und gib die allgemeine Form der Lösung an (ohne Zahlen auszurechnen).

    Tipp anzeigen Die Änderungsrate ist Zufluss minus Abfluss: m˙=\dot m = (Konzentration zu) ⋅\cdot (Rate) −- (Konzentration im Behälter) ⋅\cdot (Rate). Die Konzentration im Behälter ist m(t)/100m(t)/100.
    Lösung anzeigen Zufluss an Salz pro Minute: 0.1⋅2=0.20.1 \cdot 2 = 0.2 kg/min. Abfluss: m(t)100⋅2=m(t)50\frac{m(t)}{100} \cdot 2 = \frac{m(t)}{50} kg/min. Also m˙=0.2−m50\dot m = 0.2 - \frac{m}{50} beziehungsweise m˙+150m=0.2\dot m + \frac{1}{50} m = 0.2

    Das ist eine inhomogene lineare DGL erster Ordnung mit konstanten Koeffizienten. Die homogene Lösung ist mh(t)=c e−t/50m_h(t) = c\, e^{-t/50}. Als Partikulärteil passt eine Konstante mp=Am_p = A; Einsetzen liefert A/50=0.2A/50 = 0.2, also A=10A = 10. Die allgemeine Lösung lautet m(t)=c e−t/50+10m(t) = c\, e^{-t/50} + 10 Mit m(0)=5m(0) = 5 folgt c+10=5c + 10 = 5, also c=−5c = -5 und m(t)=10−5e−t/50m(t) = 10 - 5 e^{-t/50}.