Funktionenfolgen: punktweise und gleichmässige Konvergenz

Warum eine Folge stetiger Funktionen im Grenzwert einen Knick bekommen kann.

Bei Zahlenfolgen ist klar, was Konvergenz bedeutet. Bei Funktionenfolgen gibt es zwei sehr unterschiedliche Begriffe: punktweise und gleichmässig. Der Unterschied entscheidet, ob Eigenschaften wie Stetigkeit den Grenzübergang überleben.

Punktweise Konvergenz

Intuition

Halte einen Punkt xx fest und betrachte die Zahlenfolge f1(x),f2(x),f3(x),…f_1(x), f_2(x), f_3(x), \dots. Konvergiert diese Zahlenfolge, so erhältst du einen Grenzwert an genau diesem Punkt. Machst du das für jeden Punkt des Definitionsbereichs, entsteht eine Grenzfunktion ff. Das ist punktweise Konvergenz: du baust die Grenzfunktion Punkt für Punkt zusammen.

Definition

Beispiel

x^n auf [0,1] mit Knick im Grenzwert

Sei fn(x)=xnf_n(x) = x^n auf [0,1][0, 1]. Für festes x∈[0,1)x \in [0, 1) gilt xn→0x^n \to 0. Bei x=1x = 1 gilt 1n=11^n = 1 für alle nn. Die Grenzfunktion ist also f(x)=0f(x) = 0 für 0≤x<10 \leq x < 1 und f(1)=1f(1) = 1. Jedes fnf_n ist stetig, die Grenzfunktion ff hat aber einen Sprung bei x=1x = 1. Punktweise Konvergenz bewahrt Stetigkeit nicht.

Explizit ist die Grenzfunktion also f(x)={0x∈[0,1)1x=1f(x) = \begin{cases} 0 & x \in [0,1) \\ 1 & x = 1 \end{cases}.

Grenzfunktion von x^n auf [0,1]

Gegenbeispiel zur Erhaltung der Stetigkeit

Das Beispiel xnx^n ist bereits das Gegenbeispiel: punktweiser Limes stetiger Funktionen muss nicht stetig sein. Die Voraussetzungen fehlen, weil die Konvergenz in der Nähe von x=1x = 1 immer langsamer wird.

Gleichmässige Konvergenz

Intuition

ε-Schlauch um die Grenzfunktion

Stell dir einen Schlauch der Breite ε\varepsilon um die Grenzfunktion ff vor. Bei gleichmässiger Konvergenz gibt es ein NN, ab dem die gesamte Funktion fnf_n in diesem Schlauch liegt. Kein einzelner Punkt darf ausscheren. Der Index NN hängt nur von ε\varepsilon ab, nicht vom Ort xx.

Definition

Das praktische Rechenkriterium arbeitet mit der grössten Abweichung, der Supremumsnorm:

Satz

Beispiel

Zurück zu fn(x)=xnf_n(x) = x^n auf [0,1][0, 1] mit Grenzfunktion f(x)=0f(x) = 0 für x<1x < 1 und f(1)=1f(1) = 1. Auf dem halboffenen Intervall [0,1)[0, 1) gilt f≡0f \equiv 0, aber sup⁡x∈[0,1)∣xn−0∣=sup⁡x∈[0,1)xn=1↛0.\sup\limits_{x \in [0, 1)} |x^n - 0| = \sup\limits_{x \in [0, 1)} x^n = 1 \not\to 0. Die Konvergenz ist also nicht gleichmässig. Das erklärt, warum der Limes unstetig sein darf: Satz 2.3 greift nicht.

Gegenbeispiel: punktweise gegen 00, aber nicht gleichmässig

Sei fn=n χ(0, 1/n)f_n = n\,\chi_{(0,\,1/n)}, also fn(x)=nf_n(x) = n für x∈(0,1/n)x \in (0, 1/n) und fn(x)=0f_n(x) = 0 sonst. Für festes x>0x > 0 gilt ab n>1/xn > 1/x bereits x∉(0,1/n)x \notin (0, 1/n), also fn(x)=0f_n(x) = 0. Bei x=0x = 0 ist fn(0)=0f_n(0) = 0 für alle nn. Punktweise gilt fn→0f_n \to 0. Die Supremumsnorm ist aber sup⁡x∣fn(x)∣=n↛0.\sup\limits_{x} |f_n(x)| = n \not\to 0. Die Spitze wird immer höher und schmaler. Punktweise Konvergenz ohne gleichmässige Kontrolle.

Weiteres Beispiel

Sei fn(x)=(1−x2)xnf_n(x) = (1 - x^2)x^n auf [−1,1][-1, 1]. Für ∣x∣<1|x| < 1 gilt xn→0x^n \to 0, also fn(x)→0f_n(x) \to 0. An den Rändern x=±1x = \pm 1 gilt fn(±1)=0f_n(\pm 1) = 0. Die Grenzfunktion ist f≡0f \equiv 0.

Supremumsnorm berechnen Auf [0,1][0, 1] maximieren wir gn(x)=(1−x2)xng_n(x) = (1 - x^2)x^n. Ableiten ergibt gn′(x)=xn−1(n−(n+2)x2).g_n'(x) = x^{n-1}\bigl(n - (n + 2)x^2\bigr). Der kritische Punkt im Inneren ist xn=nn+2x_n = \sqrt{\frac{n}{n + 2}}. Einsetzen liefert gn(xn)=2n+2(nn+2)n/2.g_n(x_n) = \frac{2}{n + 2}\left(\frac{n}{n + 2}\right)^{n/2}. Dieser Ausdruck strebt für n→∞n \to \infty gegen 00. Wegen der Symmetrie gilt dasselbe auf [−1,0][-1, 0]. Also lim⁡n→∞sup⁡x∈[−1,1]∣fn(x)∣=0,\lim\limits_{n \to \infty} \sup\limits_{x \in [-1, 1]} |f_n(x)| = 0, und die Folge konvergiert gleichmässig gegen 00.

Kernaussage

Punktweise Konvergenz fragt nur lokal an jedem Punkt. Gleichmässige Konvergenz verlangt eine globale Kontrolle über alle Punkte gleichzeitig. Nur die gleichmässige Variante garantiert, dass Stetigkeit den Grenzübergang überlebt.

Übungen

  1. Sei fn(x)=xnf_n(x) = x^n auf [0,1][0, 1]. Welche Aussage ist korrekt?

    • (a) Die Folge konvergiert gleichmässig gegen die Nullfunktion.
    • (b) Die Folge konvergiert punktweise gegen eine stetige Grenzfunktion.
    • (c) Die Folge konvergiert punktweise, aber nicht gleichmässig, und die Grenzfunktion ist unstetig.
    • (d) Die Folge divergiert an jedem Punkt x∈(0,1)x \in (0, 1).
  2. Wann konvergiert fnf_n gleichmässig gegen ff auf DD?

    • (a) Genau dann, wenn lim⁡n→∞fn(x)=f(x)\lim\limits_{n \to \infty} f_n(x) = f(x) für jedes x∈Dx \in D.
    • (b) Genau dann, wenn lim⁡n→∞sup⁡x∈D∣fn(x)−f(x)∣=0\lim\limits_{n \to \infty} \sup\limits_{x \in D} |f_n(x) - f(x)| = 0.
    • (c) Genau dann, wenn jedes fnf_n stetig ist.
    • (d) Genau dann, wenn ff beschränkt ist.
  3. Die Folge fn=n χ(0, 1/n)f_n = n\,\chi_{(0,\,1/n)} konvergiert punktweise gegen 00. Warum nicht gleichmässig?

    • (a) Weil sup⁡∣fn∣=n\sup |f_n| = n nicht gegen 00 strebt.
    • (b) Weil fnf_n unstetig ist.
    • (c) Weil der Träger von fnf_n immer grösser wird.
    • (d) Weil die Folge bei x=0x = 0 divergiert.