Optimierung und der Test mit der zweiten Ableitung
Extrema finden und mit der zweiten Ableitung beweisen, dass es welche sind.
Viele Anwendungsaufgaben laufen darauf hinaus, eine Grösse zu maximieren oder zu minimieren. Das Rezept ist immer dasselbe: Zielfunktion aufstellen, kritische Punkte finden, klassifizieren. Den Test mit der zweiten Ableitung kannst du sogar mit Taylor begründen.
Aus einem quadratischen Karton der Seitenlänge 12 schneidet man an den vier Ecken kongruente Quadrate der Seitenlänge x aus und faltet die Ränder hoch. Es entsteht eine offene Schachtel. Für welches x wird das Volumen maximal, und wie gross ist dieses Volumen?
Zielfunktion aufstellen und den sinnvollen Definitionsbereich bestimmen.
Kritische Punkte über f′(x)=0 finden.
Klassifizieren, typischerweise mit dem Test der zweiten Ableitung.
Die Begründung kommt aus der Taylorformel. Wegen f′(x0)=0 gilt in einer Umgebung von x0f(x)≈f(x0)+21f′′(x0)(x−x0)2.
Der quadratische Abstand (x−x0)2 ist stets nichtnegativ. Das Vorzeichen von f′′(x0) entscheidet also, ob f(x) oberhalb oder unterhalb von f(x0) liegt.
Nach dem Ausschneiden hat die Grundfläche die Seitenlänge 12−2x, und die Höhe ist x. Das Volumen lautet
V(x)=x(12−2x)2=x(144−48x+4x2)=144x−48x2+4x3.
Der sinnvolle Bereich ist 0<x<6, denn die ausgeschnittenen Quadrate dürfen sich nicht überlappen.
Wir differenzieren:
V′(x)=144−96x+12x2=12(12−8x+x2)=12(x−2)(x−6).
Die Nullstellen sind x=2 und x=6. Der Randpunkt x=6 liefert V(6)=0 und ist kein Maximum im Inneren. Es bleibt x=2.
Die zweite Ableitung:
V′′(x)=−96+24x,V′′(2)=−96+48=−48<0.
Nach Satz 1.1 liegt bei x=2 ein lokales Maximum. Da es der einzige kritische Punkt im offenen Intervall (0,6) ist und V an den Rändern gegen 0 geht, ist es das globale Maximum.
Zielfunktion, Ableitung null setzen, zweite Ableitung prüfen: das ist das Standardrezept. Die Taylor-Näherung zweiter Ordnung erklärt, warum das Vorzeichen von f′′(x0) zwischen Maximum und Minimum unterscheidet.
Betrachtungswinkel. Ein Gemälde der Höhe h=2 hängt so, dass seine Unterkante a=1 über Augenhöhe liegt. Der Betrachtungswinkel aus dem Abstand x>0 zur Wand ist
θ(x)=arctan(xa+h)−arctan(xa)=arctan(x3)−arctan(x1).
Bei welchem x wird θ maximal?
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Berechne θ′(x), setze die Ableitung null und multipliziere die entstehenden Brüche über Kreuz. Da x ein Abstand ist, kommt nur die positive Wurzel infrage.
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Mit dxdarctan(u(x))=1+u(x)2u′(x) erhalten wir
θ′(x)=1+9/x2−3/x2−1+1/x2−1/x2=−x2+93+x2+11.
Nullsetzen liefert
x2+11=x2+93.
Über Kreuz multiplizieren:
x2+9=3(x2+1)⟹x2+9=3x2+3⟹6=2x2⟹x2=3.
Die positive Lösung ist x=3.
Für 0<x<3 gilt θ′(x)>0, danach θ′(x)<0. Bei x=3 liegt also ein Maximum.
Blutkreislauf. Ein Blutgefäss der Breite b verläuft parallel zu einer Wand im Abstand d. Von einem Punkt an der Wand soll ein seitliches Gefäss der Breite c unter dem Winkel θ∈(0,π/2) zum Hauptgefäss geführt werden. Die Teilstrecken haben die Längen ℓ1=sinθd (seitliches Gefäss) und ℓ2=L−tanθd (Reststrecke im Hauptgefäss, L gross genug). Der Gesamtwiderstand sei
R(θ)=k(c4ℓ1+b4ℓ2)=k(c4sinθd+b4L−b4tanθd)
mit einer positiven Konstante k. Für welchen Winkel θ wird R minimal?
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Konstanten fallen beim Ableiten weg. Setze R′(θ)=0 und löse nach cosθ auf. Prüfe anschliessend das Vorzeichen von R′ links und rechts der Nullstelle.
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Ableiten nach θ (bis auf den irrelevanten Faktor k und additive Konstanten):
R′(θ)∝−c4sin2θdcosθ+b4sin2θd.
Genauer: mit dθd(sinθ)−1=−sin2θcosθ und dθd(tanθ)−1=−sin2θ1 gilt
R′(θ)=kd(−c4sin2θcosθ+b4sin2θ1).
Nullsetzen (und kd/sin2θ=0 kürzen) liefert
−c4cosθ+b41=0⟹cosθ=(bc)4.
Da θ∈(0,π/2) und c<b typischerweise cosθ∈(0,1) liefert, existiert genau eine solche Nullstelle θ∗=arccos((c/b)4).
Für θ<θ∗ ist cosθ>(c/b)4, also R′(θ)<0. Für θ>θ∗ gilt R′(θ)>0. Bei θ∗ liegt ein Minimum.