Konvergenzradius

Wie weit eine Potenzreihe ihrer Funktion wirklich folgt.

Eine Taylorreihe kann eine Funktion lokal hervorragend approximieren und trotzdem weit weg vom Entwicklungspunkt komplett versagen. Der Konvergenzradius sagt dir, bis zu welchem Abstand vom Zentrum die Reihe überhaupt noch konvergiert. Zwei Pathologien zeigen, dass Glattheit und Analytizität nicht dasselbe sind.

Der Konvergenzradius

Intuition

Stell dir vor, du entwickelst eine Funktion in eine Potenzreihe um 00. Für kleine ∣x∣|x| trifft die Reihe die Funktion oft treffsicher. Ab einem gewissen Abstand bricht die Konvergenz ab: die Partialsummen schwanken und folgen der Funktion nicht mehr. Dieser kritische Abstand ist der Konvergenzradius RR. Innerhalb des Intervalls (−R,R)(-R, R) konvergiert die Reihe, ausserhalb divergiert sie. Auf dem Rand ∣x∣=R|x| = R muss man Fall für Fall prüfen.

Definition

Praktisch berechnet man RR oft über den Quotienten aufeinanderfolgender Koeffizienten:

Beispiel

Die geometrische Reihe ∑n=0∞xn\sum\limits_{n=0}^{\infty} x^n hat Koeffizienten an=1a_n = 1. Der Quotient liefert R=lim⁡n→∞∣11∣=1.R = \lim\limits_{n \to \infty}\left|\frac{1}{1}\right| = 1. Für ∣x∣<1|x| < 1 konvergiert sie gegen 11−x\frac{1}{1 - x}, für ∣x∣>1|x| > 1 divergiert sie. Das passt exakt zur bekannten Formel.

Pathologie 1: glatt auf R\mathbb{R}, aber R=1R = 1

Konvergenzradius R=1 bei 1/(1+x^2)

Betrachte f(x)=11+x2f(x) = \frac{1}{1 + x^2}. Diese Funktion ist auf ganz R\mathbb{R} unendlich oft differenzierbar: kein Pol, kein Knick, nichts Dramatisches auf der reellen Achse. Ihre Taylorreihe um 00 kennen wir bereits: 11+x2=1−x2+x4−x6+⋯=∑n=0∞(−1)nx2n.\frac{1}{1 + x^2} = 1 - x^2 + x^4 - x^6 + \dots = \sum\limits_{n=0}^{\infty} (-1)^n x^{2n}.

Die nichtverschwindenden Koeffizienten erfüllen ∣a2n/a2n+2∣=1|a_{2n}/a_{2n+2}| = 1, also R=1R = 1. Für ∣x∣>1|x| > 1 divergiert die Reihe, obwohl ff dort völlig harmlos bleibt. Die Erklärung liegt in der komplexen Ebene: ff hat Pole bei ±i\pm i, und der Abstand von 00 zu diesen Polen ist genau 11. Der Konvergenzradius wird von den nächsten Singularitäten in C\mathbb{C} begrenzt, auch wenn du nur reell rechnest.

Pathologie 2: R=∞R = \infty, aber die Reihe trifft ff nicht

Bump-Funktion gegen Nullreihe

Sei f(x)=e−1/x2f(x) = e^{-1/x^2} für x≠0x \neq 0 und f(0)=0f(0) = 0. Das ist die klassische Bump-Funktion. Man kann zeigen, dass alle Ableitungen bei 00 verschwinden: f(n)(0)=0f^{(n)}(0) = 0 für jedes nn. Die Taylorreihe um 00 ist daher die Nullreihe T(x)≡0,T(x) \equiv 0, mit Konvergenzradius R=∞R = \infty. Die Reihe konvergiert überall, aber nur bei x=0x = 0 gilt T(x)=f(x)T(x) = f(x). Für x≠0x \neq 0 ist f(x)>0f(x) > 0. Glatt zu sein (unendlich oft differenzierbar) bedeutet also nicht, analytisch zu sein (durch die eigene Taylorreihe darstellbar).

Kernaussage

Der Konvergenzradius misst, wo die Potenzreihe als Zahlenreihe konvergiert. Ob sie gegen die ursprüngliche Funktion konvergiert, ist eine separate Frage. Beide Pathologien trennen diese beiden Aspekte klar voneinander.

Übungen

  1. Sei ∑n=0∞anxn\sum\limits_{n=0}^{\infty} a_n x^n mit an=n!2na_n = \frac{n!}{2^n}. Bestimme den Konvergenzradius über den Koeffizientenquotienten.

    • (a) R=0R = 0
    • (b) R=2R = 2
    • (c) R=∞R = \infty
    • (d) R=1/2R = 1/2
  2. Die Taylorreihe von 11+x2\frac{1}{1 + x^2} lautet ∑n=0∞(−1)nx2n\sum\limits_{n=0}^{\infty} (-1)^n x^{2n}. Leite diese Reihe gliedweise ab. Welcher Ausdruck entsteht, und wie erkennst du darin eine geometrische Reihe mit q=−x2q = -x^2?

    • (a) Man erhält ∑n=1∞(−1)n2n x2n−1\sum\limits_{n=1}^{\infty} (-1)^n 2n\, x^{2n-1}, und mit q=−x2q = -x^2 gilt ∑n=0∞qn=11−q\sum\limits_{n=0}^{\infty} q^n = \frac{1}{1 - q} für ∣q∣<1|q| < 1.
    • (b) Die Ableitung ist wieder 11+x2\frac{1}{1 + x^2}, also ändert sich nichts.
    • (c) Gliedweises Ableiten ist nur für ∣x∣>1|x| > 1 erlaubt.
    • (d) Es entsteht die Cosinus-Reihe.
  3. Welche Aussage trifft auf die Bump-Funktion f(x)=e−1/x2f(x) = e^{-1/x^2} (mit f(0)=0f(0) = 0) zu?

    • (a) Sie ist bei 00 nicht differenzierbar.
    • (b) Ihre Taylorreihe um 00 hat Konvergenzradius R=0R = 0.
    • (c) Alle Ableitungen bei 00 verschwinden, die Taylorreihe ist ≡0\equiv 0, trifft ff aber nur bei x=0x = 0.
    • (d) Sie ist analytisch auf ganz R\mathbb{R}.